Ich konnte nicht schlafen, rollte mich von einer Seite zur anderen, war kurz davor, den Rechner nochmal anzuwerfen und zu schreiben. Ein komischer Zustand seit Wochen: Die Gedanken rasen und wollen endlich raus, doch der Körper ist müde, mut- und kraftlos, will sich nicht mehr bewegen. Die letzten beiden Jahre rasen immer und immer wieder an mir vorbei. Wie konnte mir das alles nur passieren? Ich erinnere mich an meine frühere Weigerung, für große Unternehmen zu arbeiten, meinen unermüdlichen Wissensdurst, mein für andere manchmal unverständliches Engagement, mit dem ich mich für das einsetzte, was mir richtig und wichtig schien, meine Überzeugung, dass jeder Mensch gut ist und mein Vertrauen verdient, meinen unerschütterlichen Glauben an eine bessere, menschlichere Welt, die ich im Kleinen für mich gefunden und miterschaffen hatte. Ich war mir sicher in diesen Jahren, meinen eigenen, selbstbestimmten Weg zu gehen.

Die letzten Monate belehrten mich eines Besseren, stellten meine heile Welt komplett auf den Kopf. Mit jedem Schritt des Erkennens meiner tatsächlichen Situation wurde ich mehr und mehr zum Feind meiner selbst. Mir wurde klar, dass ich ohne es zu merken Teil einer zerstörerischen Kraft geworden war, die all das angreift, durch ihre Truppen unterwandert und Schritt für Schritt ersetzen möchte, was ich liebe und wofür ich mich immer mit bestem Wissen und Gewissen einzusetzen glaubte: Eine Gegenkultur, ohne die keine Demokratie funktionieren kann. Die Gegenkultur, die aktuell durch eine Person, die sich selbst wohl für eine tolle Journalistin hält, aufs Übelste im Lebensteil der Zeit ausgeschlachtet und gehypt wird (dazu mehr, sobald der Kram online und für alle lesbar ist). Der Feind hatte sich nicht nur den Weg in mein Bett erlogen, sondern auch in mein Denken und Handeln, hatte mich trotz meines Widerstands zu seinem Werkzeug gemacht, mich ausspioniert, erniedrigt und mir auf ekelhafteste Weise verdeutlicht, dass er jede noch so kleine Information gegen mich und meine Lieben verwendet und verwenden wird. Ich verstand plötzlich, warum ein Künstler aus meinen eigenen Reihen mich aufgrund meiner Verbindungen mit all seinen Mitteln bekämpfte. Gefangen in diesem Labyrinth der Schuldgefühle, des Misstrauens und der Furcht wünschte ich mir sogar, dieser Künstler wäre stärker gewesen, hätte mich komplett zerstört.

Doch ich bin noch da. Und letzte Nacht wurde mir endlich klar, dass niemand es schafft, mir meine Überzeugungen zu nehmen. Denn ich habe sie, genau wie meinen Widerstand, nie aufgegeben, bin trotz allem immer ich geblieben und mit wehender Piratenfahne durch die Hölle gegangen, obwohl mein Leben mit etwas mehr Anpassung in vielen Situationen um einiges leichter gewesen wäre. Ferner wurde mir bewusst, dass ich gar keinen neuen Anfang finden, sondern einfach nur dort weitermachen muss, wo mich die Gehirnwäschemethoden des neuen Musenblog-Spammers rausgerissen hatten. Man hatte mich zwar kurzzeitig in eine Nuttenrolle geschoben, doch es trotz Terror nicht geschafft, eine aus mir zu machen. Und wenn ich das ohne größeren Schaden überleben konnte, dann werde ich auch wieder lernen zu schreiben. Mit diesen Gedanken flog ich beruhigt ins Land der Träume, während die Vögel draußen den Morgen begrüßten.

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