Trotz selbstgewählter (Teilzeit-)Internetabstinenz kann und will ich zu solch magendrehenden Aussagen wie denen der Generalbundesanwältin Monika Harms im Spiegel-Gespräch nicht die Klappe halten. Es kommt einer Verpflichtung gleich, diesem Unsinn die selbstgelebte Realität entgegen zu setzen:

Es gibt Anleitungen für Brandanschläge und Camps, in denen Blockaden und militante Aktionen für Heiligendamm trainiert werden. Sollten wir im Hinblick auf die Serie von Brandanschlägen wirklich die Hände in den Schoß legen, obwohl wir dem Legalitätsprinzip verpflichtet sind?

Auch ich habe schon solche Anleitungen gelesen, allerdings bisher an keiner Blockade-Übung teilgenommen. Da ich wahrscheinlich nicht nach Heiligendamm fahren werde, um einen friedlichen Protest vor Ort zu unterstützen, nutzte ich meine Zeit anders. Die Information, wie im Falle einer Gewaltbereitschaft des Staates vorzugehen ist, finde ich in Anbetracht der zunehmenden Missachtung unserer Verfassung in den am humanistischen Menschenbild orientierten Grundfesten seitens der amtierenden Regierung wichtig. In der Einladung zum Blockade-Training ging es im Übrigen in keinem Punkt um die Vorbereitung militanter Aktionen und genauso wenig um die Anleitung zu Brandanschlägen. Es ging um Frieden und um Verantwortung, zu der nach Mündigkeit strebende Bürger in der heutigen Zeit verpflichtet sind. Der Blick zurück in die Geschichte hält uns dazu an, genau hinzuschauen und verschiedene Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Werte Frau Harms, ich verbitte mir solche Verschubladungen kritischer Bürger und fordere mehr Ehrlichkeit. Diese angeblich terroristischen Blockade-Übungen nämlich wurden von der Polizei überwacht und ich habe von keinem Fall gehört, in dem sich dagegen gewehrt wurde. Frau Harms, Sie ziehen im Zusammenhang mit einer Aufrüstung des Staates gegen die eigenen Bürger ein wenig zu oft die Brandanschläge heran, deren Verursacher von uns keiner kennt. Und die Äußerungen, die Sie einer kritisch fragenden Spiegel-Redaktion in den Mund legen, um ihre eigenen Themen zu setzen, machen Sie für mich nicht vertrauenswürdiger. Niemand aus meinen Kreisen würde Gewalt rühmen. Es geht um gewaltlosen Protest und die nachhaltige Gestaltung unserer Welt, gute Frau. Sie stattdessen stecken die gesamte linke Szene in eine Ecke mit islamistischen Terroristen, um geltende Grundrechte auszuhöhlen:

Islamistische Terroristen kommunizieren über das Internet, und deshalb sollten wir in bestimmten Fällen heimlich in die Computer schauen dürfen. In den beiden Fällen, in denen wir die Online-Durchsuchung anwenden wollten, haben wir einen Beschluss des Ermittlungsrichters beim Bundesgerichtshof beantragt.

Ich hoffe für Sie, Frau Harms, dass sich nicht später herausstellt, Sie haben die Durchsuchungen ihrer eigenen Leute doch schon vor der Gesetzesbeugung durchgeführt. Ein Blick auf den Grund ihrer Angstaktivitäten lässt nämlich nichts Gutes erahnen:

Im Augenblick erleben wir, dass sich jeder zu Wort meldet, der meint, seine persönliche Wahrheit erzählen zu müssen, vorzugsweise im SPIEGEL und in den Talkshows. Da sitzen plötzlich Leute nebeneinander, von denen wir vor 30 Jahren niemals gedacht hätten, dass sie miteinander sprechen würden. Das ist genau das, was einem justizförmigen Verfahren nicht entspricht.

Frau Harms, ich bitte Sie inständig, Ihre eigenen Worte in Bezug auf Demokratiefeindlichkeit zu prüfen! In diesem Satz steckt so viel davon, dass sich mein Magen immer schneller dreht. Wenn Sie auf Augenhöhe mit den Menschen bleiben wollen, die das Internet nutzen, dann sollten Sie sich schnellstens daran gewöhnen, täglich von mehr solcher Gespräche umgeben zu sein und sich daran beteiligen. Wenn es allerdings das ist, was sie aufhalten wollen, sehe ich Ihren Ruhestand in nicht allzu ferner Zukunft. Er könnte schneller historische Wahrheit werden, als Sie denken. Doch von dieser wollen Sie ja nicht viel wissen:

Die historische Wahrheit interessiert Historiker. Wenn wir am Ende einer Gerichtsverhandlung stehen und ein Urteil verkündet wird, ist das nur eine forensische Wahrheit. Wenn Menschen zu Unrecht verurteilt worden sind, gibt es das Wiederaufnahmeverfahren.

Ah ja. Wieder einmal die Betonung, das wir uns ja alle nach unserer gesellschaftlichen Erschießung zu Wort melden können. Danke für diese milde Gabe. Eine Frage stellt sich mir bei diesem Thema noch: Wenn ich Ihnen, Frau Harms, laut genug begreiflich mache, dass ich starke Solidarität mit den von Ihren Leuten in der letzten Zeit Angegriffenen empfinde, durchsuchen Sie dann meinen Rechner und ziehen aus diesen Datenmassen genau dieselben wissenschaftlichen Schlüsse, die ich daraus gezogen hätte? Wenn ja, müssen Sie das gar nicht heimlich machen. Dann dürfen Sie meinetwegen ganz öffentlich zeigen, warum Ihre eigene Politik sogar im Hinblick auf die Evolution irrtümlich ist. Das wäre ein Spaß!

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