Voller Widersprüche, dieses Kirchending. Schon die erste Frage sollte kritisch machen:

Was bedeutet es nun für den einzelnen Christen, an die Kirche zu glauben?

Erstmal klingt das alles ganz vernünftig:

Die erste große Bedeutung, die wohl von den Christen fast aller Konfessionen akzeptiert wird, ist der Verweis auf die Gemeinschaft. Christsein bedeutet nicht, für sich allein glauben. Christsein ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Man ist mit den anderen Christen verbunden und ist aufeinander bezogen. Dazu gehört auch, zusammenzukommen. Dazu gehört gemeinsames Gebet, der gemeinsame Gottesdienst und die gegenseitige Hilfe. Ohne die gäbe es heute auch keinen einzigen Christen, denn wenn die heutige nicht von früheren Generationen vom Glauben erfahren hätte, dann würden wir noch nicht einmal von der Existenz Jesu Christi wissen.
Vor diesem Hintergrund ist das Bekenntnis zur Kirche ein Bekenntnis zur Gemeinschaft der Gläubigen. Das bedeutet, diese Zugehörigkeit annehmen und sich einbringen. Gerade auch letzteres gehört zum Christentum, das keine reine „Konsumentenreligion“ ist, sondern Mitarbeit verlangt – die ganze Person.

Doch dann kommt’s. Warum bitte soll ich mich, nur weil ich (mal angenommen) an diesen Jesus-Freak glaube, einer Herrschaft konstituierenden Kirche verschreiben? Ich sehe nicht den geringsten Grund, warum Nächstenliebe Schwierigkeiten macht, und ich glaube der freundliche Essenslieferant arabischer Abstammung auch nicht. Wenn moralische Perfektion einfache Liebe ist, warum sind die, die für die Gemeinschaft leben, dann plötzlich doch nicht automatisch durch ihr Tun heilig? Würde jemand, der in Liebe lebt, seine eigene Heiligkeit rechtfertigen müssen? Seele gegen Heiligkeit, oder wie, oder was?

Noch eine Bemerkung zum Attribut „heilig“, das möglicherweise vielen mehr Schwierigkeiten macht als „katholisch“. Gerade von denen, die viele Christen kennen, mag so mancher fragen, wie die Gemeinschaft der Christen heilig sein könnte. „Heilig“ im Sinne von moralischer Perfektion sind die Christen sicher nicht. „Heilig“ meint aber zunächst das, was zu Gott gehört. In diesem Sinne ist die Kirche heilig. Gott ist eigentlicher Herr der Kirche, Christus selbst ist ihr Haupt. Die Menschen gehören zu ihr, aber sie gehört den Menschen nicht wie etwas, das ganz alleine ihres wäre.

Ah ja. Gott wird zum Herrn gemacht, Jesus zum Haupt – natürlich muss da noch ein Stellvertreter her. Und natürlich ist dieser ein von Menschen konstruiertes Herrschaftssystem. Wer genau liest, bemerkt dieses klitzekleine Wörtchen „zu“, das dem „Gehören“ eine ganz andere Bedeutung gibt. Es geht hier um Gemeinschaft, nicht um Besitz. Warum also dafür so viele Worte?

Das ist die Überzeugung der Christen, auch wenn es bei diversen innerchristlichen Auseinandersetzungen und auch bei Auseinandersetzungen innerhalb einer Konfession oft allen Beteiligten sehr schwer fällt, dies ernst zu nehmen und sich eben niemals in ihrem Besitz zu meinen. Diese menschlichen Schwächen ändern aber nichts an der Zugehörigkeit der Kirche zu Gott.

Clever, die Schwäche als menschlich zu erklären und sich dadurch sofortige Absolution zu erteilen. Doch rechtfertigt das auch, nach dieser Erkenntnis mit dem Besitzdenken fortzufahren?

Nun gehört nicht nur die ganze Gemeinschaft der Christen Gott, sondern auch jeder einzelne davon. Jeder Christ ist in diesem Sinne heilig. Das mag als Anmaßung erscheinen. Aber es ist die Realität.

Eine Anmaßung ist eine Anmaßung ist eine Anmaßung. Und auch die ist Realität. Meine jedenfalls. Nicht, dass ich den durch meine Familie vermittelten Glauben nicht zu schätzen weiß. Die Seite, von der die ganzen Zitate stammen, zeigt außerdem auch die Fortschrittlichkeit der christlichen Kirche. Aber hey: hättet ihr nicht Lilith zum Dämon gemacht und den Wolf zur Bestie, außerdem noch ein paar andere eurer eigenen Überlieferungen verschwiegen oder verdreht, gäb’s doch diese Teilung der Welt gar nicht, für die ihr stetig kämpft und wegen der ihr euch ins Jenseits träumt. Oder?

Emotionen-Resonanz-Pyramide zur hoffentlich besseren Erklärung, warum Gemeinschaftsdenken das Besitzdenken als Leitbild ablösen kann, folgt. Am Rechner rummalen ist für mich einfach eine kleine Qual, also Geduld. Für die Zwischenzeit empfehle ich, Joachim Bauer zuzuhören, wenn er über den Sinn sozialer Beziehungen, spricht.

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