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Das Bild ist kein Flyer für eine Goa-Party, sondern die gezoomte Teilansicht einer Mandelbrot-Menge; und Friedrich Cramer war kein Esoteriker, sondern Direktor der Abteilung Chemie am Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin. Der geniale Naturwissenschaftler bediente sich in seiner Chaosforschung verschiedener Disziplinen: Naturgeschichte, Entwicklungsbiologie, Fraktale Geometrie, Physik – um nur ein paar zu nennen. Allein die Lektüre seines Aufsatzes über „Evolution und Darwinismus, Schöpfung und Liebe – die Entstehung und den (sic!) Zusammenhalt des Lebendigen“ legt nahe, unsere „normale“ Lebensweise ernsthaft anzuzweifeln und regt an, die eigene Weltsicht bewusst zu verändern.

Cramer stellt zunächst klar, wie Darwins Evolutionstheorie zu verstehen ist, lässt die zwischenzeitlich aufgekommenen Interpretationen wie „Kampf ums Überleben“ oder das sozialdarwinistische „Überleben des Stärkeren“ nicht mehr zu. „Struggle for Life“ und „Survival of the Fittest“ bedeutet demnach, dass „jedes Lebewesen […] durch eifrige Tätigkeit seinen Platz im großen Reich des Lebendigen [sucht]“, sich dessen Gegebenheiten bestmöglich anpasst, dadurch überlebt. Als Evolutionsziel sieht Cramer deshalb unter anderem, „durch Emergenz lebendige Gemeinschaft herzustellen“.

Russell, Kurzweil, McLuhan und viele andere bezeichnen das durch die Digitalisierung entstehende Netzwerk als nicht planbares, sich unkontrolliert ausdehnendes Wesen: Das globale Gehirn lebt, ist mehr als die Summe seiner Teile. Cramer bestätigt die Global-Brain-These zwar in seinem Text nicht explizit, seine Aussage „Leben ist Kommunikation“ beschreibt jedoch einen ähnlichen Sachverhalt.

Darwin zitierend erklärt der Forscher, warum „Katzen […] in der Evolution einen Einfluß auf das Wachstum des Rotklees [haben]“ und nimmt von der Vorstellung einer Feindschaft zwischen Lebewesen als Fehlkonstruktion Abstand. „Alles steht [dabei] mit allem in Beziehung“: Symbiose kann parasitär sein und unvorhersehbare Wechselwirkungen nach sich ziehen. Die „Vollendung der Evolution“ ist folglich Liebe, weil sie die weitestgehende Kooperation möglich macht. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Banane genetisch betrachtet unsere Cousine zweiten Grades ist und wir uns selbst bekämpfen, führen wir einen Krieg gegen andere.

„Liebe ist fraktal, ohne Begrenzungen und unermesslich“; genau wie Leben, Kommunikation und Netz. Aufgrund des Fehlens fester Grenzen und der stattdessen engen Verzahnung fraktaler Strukturen fordert Cramer, lebendige Natur mit Hilfe der fraktalen, nicht wie bisher der euklidischen, Geometrie zu beschreiben. Meine Grundausbildung in höherer Mathematik reicht leider nicht aus, um in der Tiefe zu verstehen wo nun Chaos anfängt und Ordnung aufhört, die visualisierte Mandelbrot-Dimension sieht jedenfalls interessant aus und Cramers Erläuterung klingt gut: „Durch die Komplexität des Lebendigen und die Fraktale Geometrie der lebendigen Natur wird überhaupt erst Individualität möglich. Und jedes Lebendige ist eine singuläre, individuell sinngebende Struktur im Gegensatz zu ausredenbaren, entropischen, starren, physikalischen, linearen Strukturen.“

In meiner akuten Begeisterung klingt das alles wie eine Aufforderung zu einer dynamischen Gesellschaft mit Grundsicherung und Wachstum durch selbstbestimmte Arbeit, freiem Leben (besonders im Netz) und viel Musik. Dem gegenüber steht natürlich Sicherheitsverlust als Folge ständiger Bewegung und Erneuerung von Verbindungen, das Finden gemeinsamer Werte sowie die Einhaltung dieser, Angst durch fehlende Kontrollmöglichkeiten. Spannend sowas. Trotzdem muss das Feierschweinchen jetzt weg und einem anderen erklären, warum schlechte Goa-Flyer trotzdem nicht cool sind.

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