Gestern fand mich ein Schatz. Für den unglaublichen Preis von 1 Euro in einem Schöneberger Antiquariat. Drauf steht „Botho Strauß. Schlußchor. Schaubühne“, dazwischen eine Abbildung von Frans Floris‘ „Die fünf Sinne: Visus (das Gesicht):

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Drin ist die wunderbarste Textsammlung, die ich mir gerade vorstellen kann. Allen voran die „Reflexionen über Fleck und Linie“ (aus: Beginnlosigkeit) von Botho Strauß. Allein diese Worte machen ihn zu einem der größten Denker unserer Zeit, veröffentlicht bereits 1991/92:

Folgerichtigkeit ist der Tod des Verstands.

[…]

Er lehnte sich auf gegen jeden Umriß, der ihm auf Anhieb bekannt erschien: das, worauf er gefaßt war, wofür er bereits eine Fassung besaß; er sehnte sich nach dem TEXT vor der Schrift, der Botschaft vor dem Code, dem Fleck vor der Linie, er sehnte sich nach einem Verstehen von nicht absehbarem Entgleiten, auf dessen Welle das Bewußtsein sich treiben lassen konnte ohne Ziel und Schlußfolgerung, ohne verfrühte Figürlichkeit, nach Sätzen mit diffusem Hof und Hall und solchen, die einander sogleich in Vergessenheit senkten.

[…]

Um dann noch inwendiger zu sehen, wie [der Gedanke] aus einer kosmischen Menge verschalteter Flecke und Fasern gemacht wird in einer wortlosen Sprache, und schließlich begreifen, daß wir durch und durch retikulär sind: ein Netz-Wesen, das nur noch Netz erkennen kann.

Um nur eine kleine Auswahl der in dem Buch versammelten Helden zu nennen: Vilem Flusser, Friedrich Cramer, Jean-Paul Sartre, Heinz von Foerster, Gottfried Benn, Max Picard, Platon, Giorgio Agamben, Goethe und viele andere.

Ich bin sprachlos. Danke, Schaubühne. Dafür gibt es eine neue Kategorie.

Edit: Das Bild kommt übrigens hier her. Bei Beschwerde wird es gerne durch ein eigenes ersetzt.

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