Zeitlese. Große Worte. Hier ein paar ausgewählte:

Wer mit dem Weltuntergang handelt, muss damit rechnen, dass er meistens zu früh dran ist; er muss auch damit rechnen, dass er meist missverstanden wird. […] Dabei bist du doch vor allem ein Realist, der einer wild gewordenen Wirklichkeit ins Auge schaut.

Georg Diez beschreibt die Welt des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Kurt Vonnegut als liebenswerten Ort, der leicht mit der Hölle zu verwechseln ist („Der Witz vom Weltuntergang“, Feuilleton S. 56). Wie diese Hölle aussehen kann und wo sie herkommt, lernen wir im Dossier von Christian Schüle über die Angstkrankheit, die in unserer Gesellschaft normal geworden ist. Die Konzentration auf Karriere und Status sowie die Abhängigkeit des eigenen Selbstwertgefühls von der Anerkennung durch den Arbeitgeber ersetzt Solidarität, Freundschaft, Gefühle, Nähe und lähmt. Sie schafft Unsicherheit, die an die Kinder weitergegeben wird. Selbstgewählter Schwachsinn, der uns immer weiter reinreitet.

In Anbetracht dessen stellt sich fast Freude ein über die Worte T. C. Boyles (S. 47) und seine Überzeugung, dass sich die Natur selbst reinigt, sich von uns befreit:

Es gibt keine Hoffnung. Wir liegen in den letzten Zügen – das muss jedem halbwegs informierten und bewusst denkenden Menschen klar sein. […] Was können wir tun? Sterben.

Nun leben wir aber erstmal. Zumindest noch eine Weile. Was also daraus machen?

Wer die Sache mit der Angst schon früh verstanden hat, ihr wie Goethe auf dem Straßburger Münster freiwillig entgegen getreten ist und sie dadurch besiegt hat, setzt andere Prioritäten. Ich selbst verlor meine Akrophobie auf dieselbe Weise am selben Ort. Danach war etwas anders. Es bleibt das Wissen, dass man sich durch Vermeidung selbst zerstört, sich die Leichtigkeit des Lebens nimmt, durch Angst vor dem Fall seine Flügel beschneidet. Dieses Wissen sichert Lebensqualität, die weder Ruhm noch Geld nötig hat. Joseph Fiennes, der auf dem Rakete-Foto zum Text (S. 72) übrigens so umwerfend schön getroffen ist, dass man ihn sofort wachküssen möchte, bringt es auf auf den Punkt:

Ich träume davon, dass alle Menschen im Laufe ihres Lebens durch solche Nanosekunden [der Irritation] ihre eigene Konditionierung durchbrechen könnten. Sie kämen sich selbst näher.

Der Manager aus dem Dossier zum Beispiel tanzt mit seiner Angst und überwindet sie dadurch. Erst nur eine Nanosekunde, dann langfristig. Ich sag’s ja nicht zum ersten Mal: Tanz und Musik sind ein guter Weg zurück zu unseren Wurzeln, zu einem entspannteren Leben, das diese Bezeichnug wirklich verdient. Sie sind zeitlos und deshalb auch heute für jeden erlebbar, der will. Sie bringen uns die Emotionen und das Vertrauen in die Menschlichkeit zurück, die den Angstgestörten so sehr fehlen. Ich schließe mich also den Worten des entflogenen Vogels Vonnegut an:

Falls ich je sterben sollte, Gott bewahre, soll dies der Spruch auf meinem Grabstein sein: Der einzige Beweis, den er für die Existenz Gottes brauchte, war Musik.

Wenn wir eh untergehen, was schadet da ein gesunder Hedonismus? Retten können wir uns nicht mehr. Dafür leben, solange es geht. Die Welt ist ein liebenswerter Ort, wenn wir wollen. Sie erscheint uns nur so wild, solange wir uns weigern, selbst wieder wild zu sein.

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