Weil es nicht dumm macht, zunächst ein paar Auszüge aus der Wikipedia zum Thema Meinung:

Die Meinungsbildung ist der Prozess der Bildung einer Meinung. Ein Mensch nimmt im Laufe desselben eine bestimmte Haltung zu einem Zustand, einem Ereignis, einem Gegenstand, einer Person oder einer Ansicht ein. […] Nur eine Meinung zu haben ermöglicht den Dialog in der Gesellschaft und sichert (oder auch verunsichert – je nach dem Inhalt der Meinung -) den Bestand einer politischen Ordnung und auch dessen Zukunft. Wägen Menschen nur ab, finden keine Meinung zu einem Thema und versuchen, immer in der Mitte zu stehen, ist ein Zusammenleben und eine Weiterentwicklung kurzfristig erleichtert, längerfristig erschwert.

Eine Meinung äußert sich in einer Aussage und ihre wesentliche Aufgabe ist die Bewertung oder Beurteilung, sie sagt aus, wie „ich“ etwas sehe! Eine Meinung entsteht auf der Basis eigener Erfahrungen und eigenen Wissens und ist eine Folge kognitiven Denkens, somit immer ein höchst individuell gebildeter Standpunkt.

Die Meinungsfreiheit schützt nicht nur die Äußerung, sondern auch die (öffentliche) Verbreitung einer Meinung, unabhängig von der Form (Wort, Schrift, Bild).

Zensur ist ein durch staatliche oder private Institutionen eingesetztes Verfahren zur Überwachung und Kontrolle von Äußerungen mit dem Ziel, unerwünschte Äußerungsinhalte zu verändern oder zu verhindern und dadurch das gesellschaftliche Geistesleben vor allem in politischer, sittlicher und religiöser Hinsicht zu beeinflussen.

Und zu den Grenzen der Meinungsfreiheit sowie der Unterscheidung von Meinung und Schmähkritik:

„Eine Meinungsäußerung wird nicht schon wegen ihrer herabsetzenden Wirkung für Dritte zur Schmähung. Auch eine überzogene und selbst eine ausfällige Kritik macht für sich genommen eine Äußerung noch nicht zur Schmähung. Eine herabsetzende Äußerung nimmt vielmehr erst dann den Charakter der Schmähung an, wenn in ihr nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht (BVerfGE NJW 1991, 95-97 = BVerfGE 82, 272-285).“

Diese vielen Zitate nur, weil ich vorgestern mit Zensur auf Zensur reagiert habe und das an dieser Stelle gerne begründe.

Es ging dabei im ersten Schritt um einen Kommentar meinerseits zu einem Thema, das mich seit einiger Zeit beschäftigt: Nischenbildung, oder um es mit Andersons Worten zu sagen: The Long Tail. Es gab auf dem Blog meines ehemaligen Vorgesetzten die Ankündigung der neuen Ausgabe einer von mir mittlerweile sehr geschätzten Publikation. Geschätzt, weil dort Grundlagenwissen in Form von Expertenaufsätzen für die Veränderung zur Verfügung gestellt wird, die das LiveWeb mit sich bringt. Der Titel dieser Publikation ruft nun dazu auf, Kleinvieh zu züchten, Nischenmärkte und damit Kundennähe zu schaffen. Meine Meinung: Richtig so!

Der Kommentar, den ich daraufhin auf dem Unternehmensblog hinterließ, konnte allerdings nicht ganz so fröhlich ausfallen, denn es gibt zu dem Kleinvieh-Ausdruck in Verbindung mit dem Long Tail eine mehr oder weniger unerfreuliche, persönliche Vorgeschichte. Kurz: Ich war stinksauer. Nicht, weil da jemand eine Formulierung aufgegriffen hat (die Publikation würde sich auch mit einem anderen Titel verkaufen). Ich war ja auch nicht die erste und einzige, die den Long Tail mit diesen Worten beschrieben hat, sie ist ja mit ein bisschen Nachdenken (das ich dafür durchaus aufbrachte, statt sie irgendwo abzuschreiben) sehr naheliegend. Meine Wut richtete sich viel mehr gegen die Sprunghaftigkeit der Meinung des Blogbetreibers, der ich vor kurzem noch als „Untergebene“ ausgeliefert war. Dieser griff die Formulierung nämlich in seinem Aufsatz auf, gedruckt in der betreffenden Publikation. Alles nicht schlimm.

Wäre da nicht die Vorgeschichte, die nämlich aus einer (wie sich dank des Titels einmal mehr herausstellt) unnötigen Diskussion und die mehrfache Abwertung des Ausdrucks durch meinen Vorgesetzten mir gegenüber besteht. Dieses Erscheinen des Ausdrucks in diesem Aufsatz nach diesen Diskussionen, das exemplarisch für unsere Form der Zusammenarbeit stehen kann, hat mich endgültig in dem Entschluss bestärkt, diese teilweise unzumutbare Zusammenarbeit (nicht ohne Vorwarnung) vorzeitig zu beenden. Die mit den wankenden Ansichten verbundenen Gedächtnislücken taten ihr übriges. Eine Regel des Raverdaseins, eine gewisse Selbstbeherrschung, im Hinterkopf, schrieb ich nun diesen Kommentar, der die Entstehung der Idee in meiner Freizeit erläutert, auf die Freiheit von Ideen hinweist, doch den Unmut gegenüber diesem Vorgesetzten und seines wiederholt nervenden Umgehens mit Ideen anderer nicht verschweigt. Den bald gelöschten Kommentar.

Nun gut. Toll war das alles nicht. Und sicher hätte meine Formulierung mir selbst und der Situation mehr entsprochen, hätte ich gewartet und nachgedacht, vor allem nachdem ich die Texterin der Unternehmenskommunikation als Autorin (und damit eben nicht den guten Zuhörer) des Blogeintrags erkannt hatte. Nur schließt bei sinkender Entrüstung die oben erwähnte Selbstbeherrschung schnell das Zeitfenster, in dem ich überhaupt auf solche Angelegenheiten angemessen wütend reagiere. Und der wütende Teil war bei dieser Erkenntnis schon geschrieben, die Zeit also genutzt.

Ich bin der Meinung, dass jeder, dem unsere politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung (auch oder vor allem durch die Nutzung des Internets) am Herzen liegt, und jeder, der an einem für viele Menschen positiven Wandel interessiert ist, öfter solche Zeitfenster nutzen sollte, den Mund aufzumachen wenn der gesunde Menschenverstand aufschreit. Sich einfach mal nicht dem anpassen, was weh tut. Man mag argumentieren, dass ich froh sein könne, weil etwas gelöscht wurde, das in einer für manche Augen unangemessenen Impulsivität enstand. Das bin ich nicht. Denn in einer Diskussion (sofern sie denn geführt wird), in der es (auch) um Arbeitsweisen einer Branche und große Seifenblasen geht, relativieren sich Vorurteile und Fehleinschätzungen sehr schnell. Dass ich jetzt noch einmal darauf eingehe, liegt daran, dass mir die Unterscheidung derer, die eine Revolution bejubeln und gleichzeitig eine Einstellung aufrecht erhalten, die auch schon vor zwonull nicht wirklich weitergebracht hat (Ich Marke, du bestenfalls Produktvorteil Kunde), von denen, die es anders machen, wichtig ist. Ferner halte ich den namensgebenden Vorstandsvorsitzenden immer noch für einen von der guten Seite, auch wenn ich die Kritik eines Herrn aus Bayern und seinen aggressiven Ton immer besser nachvollziehen kann.

Wenn es um nicht optimale Verhaltensweisen geht, ist diese Kritik im Sinne der Kunden zu begrüßen. Obwohl Qype, um deren AGBs und die Einhaltung von Betreiberseite es hinter dem Link geht, meiner Meinung nach noch zu den AAL-Läden gehört, die im Vergleich zu anderen bei aller gerechtfertigten Kritik (ich möchte fast sagen) kundenfreundlich sind. Trotzdem ist von der betreuenden (Kommentar-Lösch-)Agentur am Brandherd Blogbar keine Stellungnahme zu lesen, die dieses Bild vermitteln könnte.

Märkte sind Gespräche? Auf dem Wochenmarkt vor meiner Tür ja. Habe ich heute wieder getestet. Bei manchen, die gerne davon erzählen, ist die Sache mit der Konversation jedoch scheinbar nur eine Worthülse. Von „Kritik ernst nehmen“ kann keine Rede sein. Stattdessen Abwehrmechanismen.

Zu den Vorwürfen in meine Richtung (nach dem (wenn schon kindisch, dann richtig) wie-du-mir-so-ich-dir-Prinzip auf meinem Blog gelöscht), die von einer Unterscheidung zwischen privat, öffentlich und persönlich handeln: Ich wäre doch als Agentur froh, wenn die Kritik von außen konkret ist und nicht pauschal das Unternehmen und damit alle (am schlechten Ruf des Unternehmens meist völlig unschuldige) Mitarbeiter verurteilt. Dass daraus eine ablehnende Haltung gegenüber dem Unternehmen wurde – nun, das ist selbstgebaut. Auch, dass die Unterscheidung (oben beschrieben), um die es mir mit dem Ansatz zur Diskussion ging, nun für mich zu Ungunsten des Unternehmens ausfällt und meine kognitive Dissonanz bezüglich SinnerSchrader sich dahingehend auflöst, dass ich über meinen Rückzug nach Berlin noch glücklicher bin. Ja, das ist auch persönlich, betrifft mich persönlich. So wie Gespräche nur persönlich geführt werden können und Meinung nur persönlich sein kann. Was das Private der SinnerSchrader-Leute angeht: damit habe ich wenig zu tun. Und wenn ich dazu was sagen würde, wäre das wohl eine Aussage über liebende Väter und Mütter, lustige gemeinsame Mittagessen und einen recht guten Musikgeschmack, der mir bei vielen aufgefallen ist. Dass es sich bei der Auseinandersetzung um keine private handelt, dürfte damit wohl klar sein.

Meine eigene Privatsphäre jedoch, und vor allem wie viel ich welcher Öffentlichkeit davon preisgebe, ist meine Sache. Hätte ich damit grundlegend ein Problem, würde ich nicht öffentlich komische Gedanken in ein Blog (wie man bei der Telekom so schön zu sagen pflegt) ausspeichern, um den Kopf für andere Dinge frei zu haben.

Weil für mich dieses Gespräch mit diesem Text beendet ist und ich weder Zeit noch Lust habe, SinnerSchrader noch einmal zu thematisieren und „kostenlosen Werbeplatz“ zur Verfügung zu stellen, noch ein paar Worte zur Unternehmenskommunikation allgemein: Sie richtet sich per Definition nach innen und nach außen. In einer Zeit, in der Hierarchien sich in Netzwerken zunehmend soweit auflösen, dass sie ihrem Sinn gemäß eingesetzt werden (nämlich der Struktur einer Organisation, um bessere Arbeitsabläufe zu erzielen) und herrschaftliche Meinungskontrolle sowie erzwungene Autoritätsbeziehungen ihre Legitimität verloren haben, verändern sich natürlich auch die Anforderungen an die Unternehmenskommunikation. Oder genauer: Back to the Roots ist angesagt. Eine tadellos weiße Weste kauft eh kein Kunde mehr ab, denn wie Doc Searl es in seinem Beitrag über die Zukunft der Zeitungen (meine Verneigung) richtig schreibt:

The human need to increase what we know, and to help each other do the same, is what the Net at its best is all about. Yeah, it’s about other things. But it needs to be respected as an accessory to our humanity.

Wer Unternehmenskommunikation (gerade im Netz) betreibt, kommt also nicht drumrum, sich mit Menschlichkeit auseinander zu setzen. Der eigenen, und nicht zuletzt der aller Beteiligten.

Und um hier noch mehr abzuhaken, noch etwas zum Thema Marken aus der Feder eines Mannes, der mir einen Teil meines Wissens über Marken vermittelt hat, welches mir eine eigene Meinung ermöglicht (als Download verfügbar unter www.adjouri.com > Publikationen > Vorlesungen):

„Eine Marke ist ein differenzierendes Zeichen, das für eine
Leistung steht und auf Kontinuität aufgebaute Botschaften
langfristig erfolgreich an die Kunden kommuniziert.”

Es war schon vor Zwonull so, dass eine Marke nur in Verbindung mit von Kunden angenommener und für gut befunder Leistung und Kommunikation anzutreffen war und dies wird auch bei Nutzung weiterer Kommunikationsmöglichkeiten so bleiben. Das Web bietet nur „die Chance, das Ohr näher am Markt zu haben“ wie Markenspezialist Bernd M. Michael treffend formuliert. Und eben direkt zu kommunizieren. Und zwar gerade über die Haken, denn diese sind das Verbesserungspotenzial, das computervermittelte Kommunikation Unternehmen bietet.

Davor muss man keine Angst haben (und vor allem keine Angst herbeireden), denn diese Kommunikation dient der nötigen Differenzierung im Markt. Die Zielgruppe „alle“ ließ sich noch nie glaubwürdig ansprechen (außer in Kriegszeiten vielleicht) und in Nischenmärkten wäre dieser Versuch erst recht vergebene Liebesmüh.

Warum auch negative Marktgespräche einer Marke weniger schaden müssen als häufig angenommen und wie das geht, erläutert Nicholas Adjouri in einem älteren FTD-Gastkommentar bezüglich eines SinnerSchrader-Kunden:

Da Marken erst durch kontinuierliche Kommunikation ihre Identitäten erhalten, heißt dies für die Deutsche Bank, dass die Marke bewusst sogar die selbstbewusste und damit auch polarisierende Kommunikation pflegt.

Da hat die Deutsche Bank wohl Glück gehabt, dass ihre PR-Beauftragten eine Meinung haben und das Outsourcing an SinnerSchrader sich auf deren Kernkompetenzen bezog: die technischen Grundlagen für Online-Kommunikation bauen, nicht kommunizieren.

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