Sie bestellt sich den zweiten Kaffee, die Sonne im Nacken, als er plötzlich neben ihr steht. Vor Aufregung traut sie sich kaum, ihn anzusehen. Nicht zu fassen! Wünsche gehen wirklich erst in Erfüllung, wenn nur noch ein kleines Fünkchen Hoffnung glimmt und Mut nicht mehr ohne die Hilfe eines Wörterbuchs definiert werden kann. Nicht nur ihr geht es so. Andere schreiben sogar schon Postkartenweisheiten an die Wände, hängen sie auf kleinen, weißen Zetteln an schwarze Bretter oder verpacken sie in Werbebotschaften, weil das Leben keinen Platz mehr für Wahrheit lässt. Doch nun ist er da, keine zwei Meter von ihr entfernt, umringt von ein paar Halbstarken mit angesagten Nebenjobs.

Sie vertieft sich in die Zeitung, um einen falschen Eindruck zu vermeiden. Dieses Gespräch möchte sie ganz sicher nicht belauschen. Die Schlagzeilen der ersten Seiten machen ihr Angst, deshalb versucht sie es mit dem Feuilleton. Irgendwo muss doch was Angenehmes zu lesen sein. Fehlanzeige. Immer und überall geht es nur um die großen Probleme, Lösungsvorschläge gibt es selten. Es scheint, als hätten die Menschen immer noch nicht die Nase voll davon, sich ständig zu sagen, dass es anders besser wäre. Anders machen wird sicher nicht einfacher, je länger man wartet. Das hat sie verstanden. Sie fragt sich, warum sie gerade zu diesem Zeitpunkt in diesem Café und in dieser Stadt ist. Außer ihrer Intuition und dem Vorsatz, das Leben zu genießen, fallen ihr keine guten Gründe ein. Einfach mal aussteigen wäre eine gute Idee, hatte sie sich gedacht. Dorthin gehen, wo es schön ist, an einen Ort, der noch mehr möglich macht. Nun sitzt sie dort und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus.

Endlich verabschiedet er sich von den coolen Jungs, schleicht wie ein Luchs um die Tischgruppe herum und steuert zielsicher auf einen ganz bestimmten Platz zu. Er dreht seinen Stuhl so, dass ihre Blicke sich ohne Kopfverrenken treffen können. Irgendwo in der Mitte der sicheren Distanz. Nur kurz aufschauen müssen sie. Und das tun die beiden immer im gleichen Moment.

Als wollten sie sicher sein, nicht im Weg zu stehen, fragen alle Gäste zwischen ihnen fast gleichzeitig nach der Rechnung und verlassen das Café. Wahnsinn ist das. Es gibt Millionen Menschen auf diesem Planeten, die ihr dieses Gefühl abkaufen würden. Sie würde es nur verschenken.

Alles eine Frage der Realität. Sie findet diese hier besonders schön, und auch er scheint nicht abgeneigt zu sein von den Dingen um sie herum. Das Grün seiner vom Heuschnupfen geplagten müden Augen lässt sich kaum erahnen, so sehr kneift er sie zusammen, sobald er von seinem Buch auf und in Richtung der untergehenden Sonne schaut. Er sieht gut aus. Nicht so, dass es oberflächlich macht, doch ganz sicher das Hinterherschauen wert. Auf sie jedoch wirkt er wie ein junger Gott. Tiefsinnig, aufrichtig, geheimnisvoll und bei aller Sicherheit ein wenig traurig und einsam. Wie ein Held, der nach erfolgreich durchlebten Abenteuern zum ersten Mal allein ist und sich ohne seine Kollegen hilflos fühlt. Genau so hatte sie ihn sich immer vorgestellt. Dessen ist sie sich jetzt sicher.

Sie wartet vergeblich darauf, dass die Erde für eine Umgehungsroute aus dem Weg geräumt wird. Man soll ja schließlich immer aufhören, wenn es am schönsten ist. Doch es geht weiter.

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