Ganz ehrlich: Ich habe in einer Agentur noch nie Kokain gesehen, auch wenn die Egodroge manchmal eine einfache Erklärung dafür wäre, warum die Bedürfnisse der Kunden von Agenturkunden teilweise aus dem Blickfeld geraten und diese Vermutung aus Wut auch schon einmal aus meinem Mund zu hören war. Die Aussage aus der Pressemitteilung zum neuen Agenturmodell von Draftfcb „…Bei uns gibt es keine Lines mehr…“, von Martin Recke auf dem Fischmarkt zitiert, lies mich dennoch schmunzeln.

Natürlich sind in der Pressemitteilung (auf’m Fischmarkt abrufbar) nicht Drogen gemeint, sondern der neue Kreationsprozess der Agentur, der in Zukunft auf die Trennung von ‚Above the Line‘, ‚Below the Line‘, ‚On-Line‘ oder ‚Off-Line‘ verzichtet. Mit den Worten der Draftfcb-PM:

Diese Art von Liniendenken ist einfach überholt. Wir wollen unsere Kunden erfolgreich machen, indem wir uns auf das Verhalten der Menschen konzentrieren, nicht auf die Medien, die sie nutzen.

Klingt gut. (Hab mir das noch mal überlegt: Wie will man sich auf das Verhalten konzentrieren, ohne dabei die Mediennutzung einzubeziehen? Schon klar, ist wohl einfach blöd formuliert. Trotzdem: Der Mensch verhält sich doch in und mit den Medien…. zwonull und so) Auch, dass in dieser Agentur die Konzepte interdisziplinär entwickelt werden sollen. Spätestens seit der freiwilligen Projektarbeit bei den medienberatern bin ich überzeugt, dass dies sinnvoll ist und außerdem jeder dabei lernen kann, über den Tellerrand zu denken. Mein ehemaliger Mitbewohner Mr. Sunshine bestärkt mich mit seiner Forschung [pdf] bei diesem Gedanken.

Außerdem habe ich mir mit unermüdlichem Vortragen des User-Centric-Gedankens selbst schon zu viele Beulen eingefangen, um die stärkere Ausrichtung am Kunden nicht zu befürworten.

Was mich aber an Draftfcb besonders zweifeln lässt, ist Folgendes:

Draftfcb ist am 1. Juni 200t aus dem Direktmarketingspezialisten Draft Worldwide und der Agenturgruppe FCB International hervorgegangen.

Wir erinnern uns: Direktmarketing, vielen nur als Spam bekannt. Ich kann nicht beurteilen, ob Draftfcb die Erfahrung in diesem Bereich dazu einsetzt, umzudenken und wirklich mal den Kunden entscheiden zu lassen, worüber er informiert werden will und worüber nicht. Oder ob es sich hier wieder nur ums „auf einen Zug aufspringen, weil ja grade viele Ähnliches erzählen und sich das gut zu verkaufen scheint“ handelt, ohne wirklich die Möglichkeiten der Kundenkommunikation auszuschöpfen und Konsumentenmeinung in das Unternehmen einzubringen, so wie hier dargstellt:

innovation_kundeneinbindung.jpg

Die Grafik stammt aus

Barske, H./ Gerybadze, A./ Hünninghausen, L./ Sommerlatte, T. (Hrsg.), Das innovative Unternehmen, 2002, Wiesbaden: Gabler und war mal online abrufbar.

Daran sollten sich meines Erachtens Agenturen, die wie Draftfbc neue Units oder Arbeitsweisen ankündigen, orientieren. Und das auch in einer veränderten Zusammenarbeit innerhalb der Agentur möglich machen. Bleibt abzuwarten, ob Draftfbc halten, was sie versprechen. Oder ob das wieder mal heiße Luft ohne tieferes Verständnis und den Willen, Kunden und Mitarbeitern zuzuhören, ist.

Nachtrag: Der schon von Martin Recke zitierte Satz

Und wir wollen Ideen entwickeln, die so kreativ wie möglich dieses Verhalten beeinflussen können.

lässt auf letzteres schließen.

Advertisements