Wenn ich den Herrn Jörges vom Stern richtig verstanden habe, ist ein strengerer Staat sinnvoll, weil er mehr Schuldbewusstsein bei den Bürgern schafft. Leider habe ich nur die letzten Minuten des ARD-Presseclubs zum Thema „Der Ruf nach dem strengen Staat wird lauter“ mitbekommen, deshalb keine Gewähr. Klang aber so. Und da ich den Jörges und noch nie mochte, klingt das für mich noch ekliger.

Dass es gut ist wenn Gesetze, wie Christine Eichel von Cicero kurz vorher sagte, „ein Unrechtsbewusstsein schaffen“, damit kann ich leben. Wenn ein Gesetz aussagt, Stalking ist scheiße (na endlich), Mord ist scheiße (schon immer) oder käufliche Meinung ist scheiße (leider noch nicht so ganz), dann freue ich mich darüber, ja. Macht das Leben einfacher, weil nicht alles immer wieder von Neuem diskutiert werden muss. Steht ja im Gesetz. Aber „Schuldbewusstsein“? Ja, genau. Wir sollten uns alle schuldiger fühlen bei allem was wir tun. Am besten sogar fürs schwule Babies kriegen, wir bösen Sünder. Mir wird schlecht.

Vor allem dreht sich mir der Magen um, wenn ich dann solche Stories über unsere liebe Exekutive höre: Ein Bekannter, der in Neukölln in der Nähe der Hasenheide wohnt und vom samstäglichen Einkauf zurück in seine Wohung wollte, wurde von ein paar Polizisten angehalten. Zunächst wurde er mehrmals gefragt, ob er deutsch spreche. Dann, ob er wisse, dass in der Hasenheide Drogen verkauft werden. Er beantwortete die erste Frage mit ja, die zweite mit nein (mal ehrlich: jeder, der Christiane F. gelesen hat, weiß, dass dort Drogen verkauft werden. Was aber hat mein Kumpel, der zum Sonnen eher in anderen Parks anzutreffen ist, mit den Dealern in der Hasenheide zu tun? Also irgendwie berechtigt, seine Antwort.) Er wurde daraufhin ums Vorzeigen seines Ausweises gebeten und gefilzt. Sogar sein Mobiltelefon wurde gecheckt. Erst nach gewählten Nummern, dann wurde die Sim-Card auf Diebstahl überprüft. Auf seine Frage, was das denn bitte soll, bekam er die Antwort „Wir dürfen das!“ Aha. Leider war mein Kumpel so perplex, dass er nicht viel mehr sagen konnte, auch nicht zu den persönlichen SMS-Daten im Telefon, die durch Herausnahme der Sim-Karte unwiederbringlich gelöscht wurden. Irgendwann durfte er nach Hause gehen, und zwar ohne dass sie ihm irgendetwas vorwerfen konnten. Dafür aber mit einem unbegründeten Schuldgefühl und einer enormen Wut auf unseren lieben Staat im Bauch.

Ist es das, was Herr Jörges mit Schuldbewusstsein meint, das wir alle viel stärker haben sollten? Oder etwa das komische Gefühl, das mich in der auf dem Foto unten festgehaltenen Situation befiehl?

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Komisch war das, als offensichtlich nicht auf Gewalt gepolte, nur mit Musik bewaffnete, lächelnde Bürgerin ein Stück Deutschland nicht betreten zu dürfen, weil dort drei alberne Personen einen Wahlwerbestand der Reps aufgebaut hatten. Wir haben es dann doch betreten (unsere jungen, unbewaffneten Körper waren einfach schneller als die der Damen und Herren mit schusssicheren Westen) und haben den von drei (!) vollbesetzten grün-weißen Mannschaftswagen bewachten Reps-Stand wie geplant weggetanzt. Auf Gegner ihrer Anhänger, die Friedrichshain immer unsicherer machen, hatten die nämlich keine Lust. Das Schuldbewusstsein sollte nach Herrn Jörges wahrscheinlich auf unserer Seite liegen, denn wir waren ja diejenigen, gegen die unsere Polizei in diesem Fall eingesetzt wurde.

Verkehrte Welt. Da hakt’s doch gewaltig! Irgendwann hieß es mal, dass Gesetze für uns Bürger gemacht werden. Scheint auch sonst ja nicht ganz zu funktionieren. Und wenn bei denen, die sich für ein freies Land ohne rechte Gewalt einsetzen, jetzt auf das Schuldbewusstsein gedrückt werden soll, ist das Maß wirklich voll. Von der Jagd auf friedliche Kiffer ganz zu schweigen. Das spornt doch an, endlich mal die Steuererklärung vom letzten Jahr zu machen und zu viel bezahltes Geld zurück zu fordern. Bäh pfui! Wenn ich nämlich den Diebstahl meines Hab und Guts anzeigen möchte, werde ich fast ausgelacht (ist einmal passiert und hat beinahe zu einer Beamtenbeleidigung meinerseits geführt, beim zweiten Mal war der angesprochene Beamte eines anderen Reviers zum Glück sehr freundlich). Danke.

Doch warum sollte es in der Politik anders sein als auf dem Gütermarkt, wo Kunden schon länger kriminalisiert werden und stattdessen viel Geld dafür ausgegeben wird, dass Agenturen ausschließlich Positives sagen.

Ein anderes Beispiel für unangebrachtes Schuldbewusstsein, und zwar auf Seite der Mitarbeiter, sind die Worte des neuen Vorstandsvorsitzenden meines ehemaligen Arbeitgebers: Nein, lieber Herr Obermann, Ihre Mitarbeiter brauchen nicht mehr Druck, sondern endlich mal das Gefühl, für etwas Gutes zu arbeiten und ernst genommen zu werden, dann arbeiten die auch freiwillig und hören auf, eure Kunden zur Konkurrenz zu schicken. Die Verantwortung dafür liegt in Ihren Händen und in denen Ihrer Kollegen im höchsten Management, die das Unternehmen steuern, nicht bei den Mitarbeitern auf der untersten Ebene, die Verständnis für die Kritik der Kunden haben!

Nicht vergessen, liebe Politiker und Markenchefs: Ihr seid in eurem Job, weil ihr etwas FÜR diese Menschen tun sollt, die euch bezahlen und für euch arbeiten! Vergesst ihr immer öfter, nicht wahr? Wie steht es denn um euer eigenes Schuldbewusstsein?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das ist meine ganz persönliche private Meinung. Denn jede Bewegung braucht eine Gegenbewegung.

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