Wenn eine Geschichte ein Ziel hat, wird sie schon unglaubwürdig. Folge und Ziel sind schlimme Gesellen.

Aus: Botho Strauß, Beginnlosigkeit

Schön, immer wieder Menschen zu treffen, die sich ähnliche Gedanken zu ähnlichen Themen machen. Ist es nicht so, dass allzu starre Ziele Scheuklappen sind, die die wunderbaren Gelegenheiten des Lebens hinter sich verstecken? Zum Beispiel verhindert nichts so gut jene verliebte Leichtigkeit, wie das Ziel, möglichst schnell den einen passenden Partner zur Gründung einer eigenen Familie zu finden.

Meine Tante sieht das anders. Ihre erste neugierige Frage, nachdem ich einen der größten Musiker meiner Heimat zwecks möglicher gemeinsamer Aktivitäten kennenlernen durfte: “Er hat eine Frau, oder?” Ich hatte nicht erwartet, dass diese WanngründestduendlicheineeigeneFamilie-Fragen schon so kurz nach meiner Rückkehr einsetzen würden. Aber bitte, irgendwie sind diese Gedanken ja berechtigt. Ich bin immerhin in einem Alter, in dem die innere Uhr etwas lauter zu ticken beginnt, habe mir die Hörner in den Städten zu Genüge abgestoßen und bin gerade dabei, es mir in der Provinz gemütlich zu machen. Grund genug für manche also, dem Ziel “Kind und Kegel” höchste Priorität zukommen zu lassen. Natürlich war die Antwort auf meine Bestätigung, dass dieser Mann glücklich wirkt in seiner Partnerschaft, ein enttäuscht seufzendes “Schade, der wäre was für dich”. Hinterher dann mahnend: “Du musst dich aber wirklich beeilen. Deine Zeit läuft.”

Ja. Die Zeit vergeht schnell. Doch ich bin im besten Alter, die Scheuklappen für immer zu begraben. Das Ziel heißt Leben, wird in jeder Sekunde neu erreicht und definiert. Es ist ebenfalls das richtige Alter, mich dem Begehren eines jungen Schönen hinzugeben, dieses wunderbare Kompliment zu genießen. Liebe ist nicht planbar, sie ist einfach so da. Es gilt, in besonderen Momenten vertretbare Entscheidungen zu treffen und sich vom Leben leiten zu lassen. Unter Einhaltung gemeinsamer Werte und mit Rücksicht auf persönliche Bedürfnisse, versteht sich. Manche nennen sowas Glück, glaube ich.