Da Netzpolitik.org gestern über die Angst älterer Herrschaften in den U.S.A. berichtet hat, was Communities wie MySpace mit der Jugend anrichten können, hier ein wenig Zweitverwertung eines älteren Textes meinerseits :
“Begegne Veränderungen mit offenen Armen, aber verliere dabei nicht deine Wertmaßstäbe.” Neil Postmans Anhänger und andere Schwarzmaler hätten dieser angeblichen Aussage des 14. Dalai Lama sicher viel entgegenzusetzen, denn sie trauen es dem Menschen nicht zu, Veränderungen erfolgreich zu bewältigen. „Im Internet spielt Gewalt eine große Rolle“, heißt es ausnahmsweise vorsichtig in der Klatschpresse. Selbst ein brillianter Forscher und Autor wie Stanislaw Lem konzentriert sich in seinen Prognosen auf die unberechenbare „Technologie-Falle“ und spricht in diesem Zusammenhang von der „irdischen Hölle“.
Wie kann ein Medium Verantwortung dafür tragen, dass es missbraucht wird? Das Internet wurde von Menschen erfunden, kann also zunächst einmal nur so gut oder schlecht wie seine Nutzer sein, die den Inhalt bestimmen. Ein Medium verändert schließlich nur die Kommunikation und dadurch die zwischenmenschlichen Situationen. Am Beispiel des Internet bedeutet dies, dass es Menschen auf der ganzen Welt an einem virtuellen Ort zusammenbringt. Das Ergebnis ist ein sich unendlich ausdehnendes Netzwerk, weit mehr als McLuhans „globales Dorf“. Was die Warner und Mahner antreibt, ist die Angst vor der Schattenseite dieser Entwicklung. Eine offene und direkte, beschleunigte Kommunikation könnte nicht nur Überforderung auslösen, sondern zusätzlich sämtliche menschlichen Verfehlungen potenzieren und offensichtlich machen. Mit dieser Einstellung können wir der Veränderung allerdings nicht begegnen, sondern nur zum Informationskrieg antreten. [...]
Malte Gerhold, dessen Dissertation den Titel „The good and the meaningful life“ trägt, schreibt über den möglichen Sinn des Lebens unter anderem: “…for life to be meaningful is to act within the constraints of your normative framework, engaging with the object of your commitment in a supportive as well as protective way”. Das ist es also, was als menschliche Aufgabe bei aller Technik bleiben kann: zu leben, zu lieben, und bei der Informationsverarbeitung unsere Wertmaßstäbe nicht zu vergessen.
Vielleicht fällt irgendwann irgendwem auf, dass wir die Technik dazu gar nicht gebraucht hätten.
Dass dank Netz-Communities der Teppich, unter den sexuelle Übergriffe, Pädophilie und ähnliche Kackscheiße früher gekehrt wurden, nun eine riesige, nicht mehr übersehbare Beule bekommen hat, finde ich gut. Müsste ja eigentlich dazu zwingen, sich mal mit den Ursachen auseinander zu setzen. So weit sind wir aber wohl immer noch nicht.
Was passiert im nächsten Schritt? Wird Leben verboten, weil das tödlich ist? Oder schaffen wir Menschen ab, weil die manchmal Mist bauen?
Ich geh erst mal in die Sonne, solange man mich noch lässt.